HENRI BOREL

1869 – 1933 in Holland geboren.

Auszug aus dem Buch:

HENRI BOREL

Wu Wei – Die Weisheit des Dao
Lao Tse als Wegweiser

Ich stand im Tempel von Shien Shan auf einem Inselchen der Chinesischen See, einige Stunden Fahrt vom Hafen von Ha To. Auf einer Seite erhoben sich Bergzüge, deren weiche Linien im Westen hinter der Insel zusammenflossen. Im Osten schimmerte die endlose See. Der Tempel stand auf ragender felsiger Höhe im Schatten mächtiger Buddhabäume. Die Insel wird recht selten besucht. Doch kommt es vor, dass Fischer, die vor einem drohenden Taifun flüchten, hier Anker werfen, wenn sie keine Hoffnung mehr haben, den Hafen noch zu erreichen. Niemand weiss zu sagen, welche Aufgabe der Tempel auf diesem verlorenen Flecken Erde eigentlich zu erfüllen habe; doch sind schon viele Jahrhunderte an ihm vorübergezogen und haben ihm das heilige Recht geschenkt, weiter dort zu stehen. Fremde kommen fast nie her, und ein paar hundert arme Bewohner leben da, einfach weil ihre Ahnen es auch schon getan haben. ich war hergekommen in der Hoffnung, einen auf letzte Weisheit eingestellten Mann zu finden, um sein Schüler zu sein. Ich hatte die Tempel und Klöster der Nachbarschaft seit mehr als einem Jahre abgesucht nach ernstgerichteten Priestern, die mir hätten sagen können, was ich aus den oberflächlichen Büchern über chinesische Religion nicht zu finden imstande war. Doch überall traf ich nur unwissende, verdummte Kreaturen, die vor Götzenbildern knieten, deren symbolische Bedeutung ihnen fremd war und die seltsame Sutras herplapperten, von denen ihnen auch nicht ein Wort verständlich war. So war ich denn gezwungen gewesen, all meine Auskunft schlecht übertragenen Werken zu entnehmen, die durch europäische Gelehrte sogar schlimmer verstümmelt worden waren als durch die chinesischen Kenner von Rang, die ich um belehrende Auslegung bat. Endlich aber hörte ich einen alten Chinesen vom «Weisen von Shien Shan» sprechen als von einem Manne, dem die Geheimnisse des Himmels und der Erde ihren Sinn offenbart hätten. So war ich denn über das Meer gefahren, um ihn zu suchen, allerdings ohne grosse Erwartungen zu hegen.

Der Tempel glich vielen anderen, die ich gesehen hatte. Schmutzige Priester lungerten in verwahrlosten grauen Gewändern auf den Stufen herum und starrten mich mit sinnlosem Grinsen an. Die Standbilder von Kuan Yin und Shakyamuni und Sam-Pao-Fu waren vor kurzem aufgefrischt worden, mit allen erdenklichen rohen Farben überstrichen, die ihre frühere Schönheit vollkommen verstümmelten. Kot und Staub lagen auf dem Fussboden, und Stücke von Apfelsinenschalen und Zuckerrohr fanden sich überall. Die dicke, schwere Luft legte sich beklemmend auf meine Brust.

Ich wandte mich an einen der Priester und sagte: «Ich bin gekommen, den Weisen aufzusuchen. Wohnt nicht ein alter Einsiedler hier, der sich auf Laotse beruft?»

Er antwortete mir mit verwundertem Gesicht: «Laotse lebt auf der höchsten Spitze der Felsen. Doch er liebt Barbaren nicht.»

Ich fragte ihn ruhig: «Willst du mich zu ihm führen, Bikshu, für einen Dollar?»

Gier flammte in seinen Augen auf; doch er schüttelte den Kopf mit den Worten: «Ich wage es nicht; suche ihn selber.»

Die andern Priester grinsten und boten mir, in der Hoffnung auf ein Trinkgeld, Tee an.

Ich wandte mich von ihnen, stieg die Felsen hinan und erreichte den Gipfel in einer halben Stunde. Dort fand ich eine Steinhütte aus vier schmucklosen Wänden. Ich klopfte an die Türe, und bald darauf hörte ich jemanden einen Riegel zurückziehen.

Und nun stand der Weise vor mir und schaute mich an.

Und es war eine Offenbarung.

Mir war, ich sähe ein grosses Licht, ein Licht, das nicht blendete, sondern beruhigte.

Er stand vor mir, hoch und gerade wie eine Palme. Sein Gesicht war voller Frieden wie ein milder Abend im Schweigen der Bäume und wie ruhiger Mondenschein. Sein ganzes Wesen atmete die Erhabenheit der Natur in so einfacher Schönheit, in so schlichter Ungezwungenheit wie ein Berg oder eine Wolke. Seine Gegenwart strahlte ein Sein aus so heilig wie die betende Seele im weichen Nachglanz einer Dämmerungslandschaft – und unter seinem Blicke wurde mir beklommen zumute, und ich sah mein armes Leben in all seiner Nichtigkeit enthüllt. Kein Wort brachte ich über die Lippen, fühlte aber, wie er auch für mich Erleuchtung ausstrahlte.

Nun hob er seine Hand, wie wenn eine Blume sich aufschwänge und bot sie mir, herzlich, freimütig. Er sprach, und seine Stimme klang wie milde Musik, wie das Singen des Windes in den Bäumen:

«Willkommen, Fremdling! Was führt dich zu mir altem Manne?»

«Ich suche einen Meister», antwortete ich demütig, «der mir den Pfad weisen kann, der zu menschlichem Gutsein führt. Ich habe dies herrliche Land lange durchreist; doch die Menschen leben, als ab sie innerlich schon gestorben wären, und ich bin so arm als wie zuvor.»

«Du irrst dich etwas in deinem Streben», sagte der Weise. «Bemühe dich nicht so geschäftig, recht gut zu sein. Suche dies nicht zu sehr, sonst wirst du nie wahre Weisheit finden. Weisst du denn nicht, wie es war, da der Gelbe Kaiser seine wundertätige Perle wiederfand? So will ich es dir erzählen.»

«Der Gelbe Kaiser reiste einst der ganzen Nordküste des Roten Meeres entlang und bestieg den höchsten Gipfel der Kuenlünberge. Als er nach dem Süden zurückreiste, verlor er seine wundertätige Perle. Er ersuchte seinen Scharfsinn, sie zu finden – vergebens. Er ersuchte seine Augen, sie zu finden – vergebens. Er ersuchte seine Beredsamkeit, sie zu finden – doch auch das war vergebens. Schliesslich ersuchte er Nichts – und Nichts fand sie. ’Wie merkwürdig!’ rief der Gelbe Kaiser aus, ,dass Nichts imstande sein sollte, sie zu finden!’ – Verstehst du mich, junger Mann?»

«Ich denke, diese Perle war seine Seele», antwortete ich, «und Wien, Gesicht und Sprache verhüllen die Seele, statt sie zu erleuchten. So konnte der Gelbe Kaiser nur im Frieden vollkommener Stille wieder zur Bewusstheit seiner Seele erwachen. Ist es so, Meister?»

«Ja; du hast gefühlt, wie es ist. Und weit du auch, wer dieses köstliche Gleichnis erzählt hat?»

«Ich bin jung und ohne viel Bildung; ich weiss es nicht.»

«Chuang-Tse, der Schüler Laotses, des grössten Philosophen von China. Weder Confucius noch Mencius haben in diesem Lande die reinste Wahrheit gelehrt; dies war vielmehr Laotse. Dieser war der grösste, und Chuang-Tse war sein Verkünder.»

Ihr Ausländer hegt ebenfalls, wie ich wohl weiss, eine gewisse wohlwollende Bewunderung für Laotse; doch wissen wohl nur wenige von euch, da er das geläutertste menschliche Wesen war, das je geatmet hat. Hast du, ’Tao-Te-King’ gelesen? Und hast du je darüber nachgedacht, was er mit ,Tao’ meinte?»

«Ich wäre dir dankbar, wenn du es mir sagen wolltest, Meister».

«Es macht mir Freude, dich zu unterrichten, junger Mann. Es ist viele Jahre her, seit ich einen Schüler hatte, und ich sehe in deinen Augen nicht Neugier, sondern das reine Verlangen nach Weisheit, nach Befreiung deiner Seele. So höre denn»!

Tao ist in Wirklichkeit nichts anderes, als was ihr Abendländer ,Gott’ nennt. Tao ist das Eine; der Anfang und das Ende. Es umfasst alle Dinge, und alle Dinge kehren auch in es zurück».

«Laotse schrieb zu Beginn seines Buches das Zeichen Tao. Doch was er damit eigentlich meinte – das Höchste, das Eine – das kann keinen Namen hat, kann nie durch einen Laut ausgedrückt werden, eben weil es das Eine ist. Ebenso unzulänglich ist der Ausdruck ,Gott’. – Wu – Nichts – das ist Tao. Verstehst du mich nicht»?

«So höre weiter! Es gibt eine unbedingte Wirklichkeit – ohne Anfang und ohne Ende – die wir nicht begreifen können und die uns daher als Nichts erscheint. Was wir begreifen können; was für uns eine bedingte Wirklichkeit besitzt, ist in Wahrheit nur Erscheinung. Es ist nur eine Wirkung, ein Ergebnis der unbedingten Wirklichkeit, sobald wir einmal gewahr werden, da alles von dieser Wirklichkeit ausgeht und wieder zu ihr zurückkehrt. Denn die Dinge, die wir als wirklich betrachten, sind nicht wirklich in sich selber. Was wir Seiendes heissen, ist in der Tat Nicht-Seiendes, und gerade was wir Nicht-Seiendes heissen ist im wahren Sinne das Seiende. So leben wir in grosser Dunkelheit. Was wir uns als das Wirkliche vorstellen, ist unwirklich und stammt dennoch aus der Wirklichkeit, aus der Ganzheit. Demgemäss sind das Seiende wie das Nicht-Seiende Tao. Doch darfst du vor allem nie vergessen, da ,Tao’ nichts ist als ein von einem menschlichen Wesen geäusserter Laut und da die Idee im wesentlichen unausdrückbar ist. Alle Dinge, die von den Sinnen gewürdigt werden können, und alle Verlangen des Herzens, sind unwirklich. Aus Tao gehen Himmel und Erde hervor. Das Eine zeugte Zwei, Zwei zeugte Drei, Drei zeugten Millionen. Und Millionen kehren wieder in Das Eine zurück».

«Wenn du dessen wohl eingedenk bleibst, junger Mann, so hast du das erste Tor auf dem Pfade der Weisheit durchschritten».

«Dann weit du, da alles seinen Ursprung in Tao hat: – die Bäume, die Blumen, die Vögel, die See, die Wüste und die Felsen, Licht und Dunkel, Hitze und Kälte, Tag und Nacht, Sommer und Winter – und auch dein eigenes Leben. Welten zerstäuben und Meere verdampfen in der Ewigkeit. Der Mensch reckt sich auf aus dem Dunkel, lacht ins schimmernde Licht und verschwindet. Doch in all diesen Wechseln des Geschehens offenbart sich das Eine. Tao ist in allem. Deine Seele in ihrem innersten Wesen ist Tao».

«Siehst du die Welt hier vor dir ausgebreitet, junger Mann»!

Mit königlicher Gebärde wies er nach dem Meere hin. Die Berge standen fest, unerschütterlich, hoben sich scharf vorn leuchtenden Himmel ab – wie kraftvolle Gedanken, von bewusstem Gestaltungswillen versteinert und herausgemeisselt – und gaben erst in der Ferne dem sanften, schmeichelnden Werben von Licht und Luft nach. Auf sehr hohem Punkte stand ein einsames Bäumchen mit fein ausgearbeitetem Laubwerk im vollen Lichte. In milder Ruhe begann der Abend zu sinken, und ein rosiges Glühen, träumerisch und doch voller Leuchtkraft, umfasste die Berge, die nun noch schärfer hervortraten, wie eine Melodie friedvoller Freudigkeit. In all dem fühlte man ein sanftes Aufwärtsstreben, ein stilles Versunkensein, wie in der verdünnten Luft bewusst erlebter Frömmigkeit. Und die See schob sich weich heran, in leise schwankendem Gleiten – ruhig, unwiderstehlich sich nähernd: – ein Urbild der Unendlichkeit. Das goldene Segel eines Schiffleins glitt näher. Wie winzig es war in diesem unermesslichen Meere – wie furchtlos und lieblich! Alles strahlte Reinheit aus – nirgends auch nur ein Hauch des Missklangs.

Und ich sprach aus dem unvergleichlichen Drange einer mächtigen Freude:

«Ich fühle es jetzt, o Meister! Was ich suche ist überall. Es hat keinen Sinn, nach ihm in die Ferne zu schweifen; denn es ist mir jederzeit ganz nahe. Es ist überall – was ich suche, was ich selber bin, was meine Seele ist. Es ist mir so vertraut, wie mein eigen Ich. Alles ist offenbar! Gott ist überall! Tao ist in jedem Ding»!

«So ist es, Junge. Doch halte dein Erkennen klar! In allem was du siehst, ist Tao; doch Tao ist nicht, was du siehst! Du darfst dir nicht denken, Tao sei deinem Auge sichtbar. Tao wird weder Freude wecken in deinem Herzen noch wird es Tränen hervorlocken. Denn alle deine Erlebnisse und Gefühlsregungen sind nur bedingt und nicht eigentlich wirklich.»

«Doch für heute will ich nicht mehr von diesem reden. Du stehst ja noch am ersten Tor und erkennst nur das erste Frührot des anbrechenden Tages. Es ist schon viel, wenn du nur erkennen sollst, da Tao in jedem Ding ist. Dies wird dein Leben natürlicher und zuversichtlicher machen – denn, glaube mir, du liegst in den Armen von Tao wie ein Kind in den Armen seiner Mutter. Und das neue Erkennen wird dich auch ernsthaft und gedankenvoll machen; denn du wirst dich an allen Orten als ein heiliges Wesen fühlen, wie es ein guter Priester in seinem Tempel ist. Der Wechsel der Dinge, Leben und Tod, sie können dich nicht länger schrecken; denn du weisst, da Tod sowohl als Leben aus Tao . Und es ist nur natürlich, da Tao, das dein Leben durchdrungen hat, auch nach dem Tode dich ständig umgeben wird.»

«Betrachte die Landschaft vor dir! Die Bäume, die Berge, die See, sie sind deine Brüder und Schwestern, gleich wie Luft und Licht auch. Sich, wie die See sich uns zuhebt! So von innen heraus, so natürlich, so ganz, nur weil es so sein muss. – Siehst du deine liebe Schwester, das Bäumlein auf jener Höhe dort, wie sie sich dir zuneigt – und das sanfte Fächeln der Blättchen?»

«So will ich nun zu dir sprechen von Wu-Wei, von der Widerstandslosigkeit, von der Eigenbewegung aus dem Atem deines innern Wollens, wie es aus Tao geboren wurde. Die Menschen wären wahre Menschen, wenn sie nichts täten als ihr Leben aus sich selber  lassen, gleich wie eine Blume blüht, in der schlichten Schönheit von Tao. In jedem Menschen lebt ein Streben nach jenem Fliessen hin, das, von Tao ausgehend, ihn wieder zu Tao zurückführen würde. Doch durch ihre eigenen Sinne und Lüste werden die Menschen blind. Sie mühen sich des Vergnügens, der Begierden, des Hasses, des Ruhmes, des Besitzes willen. Ihre Bewegungen sind heftig und ungestüm, ihr Lebenslauf stellt eine Folge von wilden Anläufen dar, die immer wieder in sich zusammenbrechen. Sie klammern sich an all das Unwirkliche. Sie begehren zu viele Dinge, als da sie das Eine auch noch begehren könnten. Sie begehren ebenfalls, weise und gut zu sein, und dies ist das schlimmste von allem. Sie begehren, zu viel zu wissen.»

«Unser einziges Heilmittel liegt darin, da wir zur Quelle, aus der wir erstanden, zurückkehren. In uns ist Tao, und Tao ist Ruhe. Ruhe wird uns nur, wenn wir uns von allem Verlangen frei machen – selbst von dem Verlangen, gut und weise zu sein. Ach, warum begehren die Menschen, zu wissen was Tao sei! Und dies qualvolle sich Abmühen, Worte zu finden, es auszudrücken und nach ihm zu fragen! Der wahre Weise folgt der Lehre, die keine Worte kennt, die ewig ohne Ausdruck bleiben wird. Denn wer sollte ihr je Ausdruck geben? Wer weiss, was Tao ist, schweigt; und wer darüber redet, weiss es nicht. Auch ich werde dir nicht sagen, was Tao ist. Du mut es ganz allein entdecken, indem du dich selber von all deinen Leidenschaften und Sehnsüchten befreist und unmittelbar aus deinem Herzen heraus lebst, ohne dich irgendwie unnatürlich abzumühen. In Sanftheit soll der Mensch sich Tao nähern, so ruhevoll wie dieses weite Meer zu uns kommt. Es bewegt sich, nicht weil es sich dazu entschlossen hat, auch nicht, weil es weiss, dass solches sich Bewegen weise oder gut sei. Es bewegt sich einfach, ohne sich dessen bewusst zu sein. So wirst auch du in Tao zurückkehren, und wenn du in es eingegangen bist, so wirst du es nicht wissen; denn du selber wirst Tao sein.»

Er schwieg und schaute mich milde an. Seine Augen waren voll stillen Leuchtens, ruhig und erhaben wie das Himmelblau.

«Vater», sagte ich, «was du sagst ist herrlich wie die See und scheint so einfach wie die Natur. Doch ist es sicherlich nicht leicht, dieses willenlose, nichthandelnde Eingehen in Tao!»

«Verwirre den Sinn der Wörter nicht», antwortete er. «Unter Nicht-Handeln, Wu-Wei, verstand Laotse nicht gewöhnliche Untätigkeit, nicht blosses Müssiggehen mit geschlossenen Augen. Er meinte die Befreiung von weltlicher Geschäftigkeit, von Begierden, von Sehnsüchten nach all den Unwirklichkeiten des Lebens. Dagegen forderte er das Handeln in allen Wirklichkeiten des Lebens! Sein Nichthandeln schliesst eine kraftvolle Bewegung der Seele in sich, die aus ihrer dunklen Körperlichkeit, aus ihrer erdgebundenen Schwere befreit sein muss wie der Vogel aus seinem Käfig. Er meinte ein sich Ausliefern an die innern Gestaltungskräfte, die uns aus Tao zufliessen und die uns auch wieder zu Tao zurückführen. Und glaube mir: diese Bewegung ist so natürlich wie die jener Wolke über uns.»

Hoch im Blau zu unsern Häuptern segelten goldene Wolken langsam nach dem Meere hin. Sie leuchteten in wundervoller Klarheit, wie voll hoher und heiliger Liebe. Leise, leise zagen sie von uns weg.

«Bald werden sie vergangen sein, verschwunden in der Unendlichkeit des Himmels», sagte der Einsiedler, «und du wirst nichts mehr sehen als das ewige Blau. So wird auch deine Seele in Tao eingehen.»

«Mein Leben ist voller Sünde», antwortete ich. «Schwer lasten niederziehende Begierden auf mir. Und so irren auch meine Mitmenschen durch die Nacht. Wie kann unser Leben je so im tiefsten Wesen rein dem Tao zuströmen? Es ist so überbürdet von all dem Übel, da es sicherlich wieder in den Sumpf zurücksinken muss.»

«Glaube das nicht!» rief er mit gütigem Lächeln aus. «Niemand kann Tao vernichten, und in jedem von uns leuchtet das unauslöschliche Licht der Seele. Glaube nicht, das Schlechte im Menschen sei so stark und mächtig! Das ewige Tao wohnt in allen, in Mördern und Dirnen sowohl als in Philosophen und Dichtern. Sie alle tragen den unzerstörbaren Schatz in sich, und nicht einer ist besser als ein anderer. Sie sind sich in ihrem innersten Wesen alle so gleich wie zwei Sandkörner dieses Felsens. Und nicht ein Einziger wird ewig von Tao ausgeschlossen sein; denn jeder trägt Tao in sich selber.»

«Die Sünden der Menschen sind nichts als Selbsttäuschungen, unbestimmt wie flutende Nebel. Ihre Taten sind nichts als Schein, und ihre Worte sterben dahin wie flüchtige Träume. Sie können nicht schlecht sein, wie sie auch nicht gut sein können. Unwiderstehlich werden sie zu Tao hingezogen, gleich wie jener Wassertropfen nach dem ewigen Meere. Bei einen mag es etwas länger gehen, als bei andern, bis sie ihr Ziel erreichen; das ist der einzige Unterschied. Und einige Jahrtausende – wie können die zählen im Angesicht der Ewigkeit? – Armer Freund! Hat deine Sünde dich so furchtsam gemacht? Hieltest du deine Sünde sogar für mächtiger als Tao?»

«Du hast dich einfach viel zu sehr bemüht, gut zu sein, und daher hast du deine eigenen Vergehen in zu grellem Lichte betrachtet. Auch von deinen Mitmenschen verlangst du zu viel Güte, und daher hast du dir unnötig Sorge gemacht. Doch all dies ist nichts als ein Schein. Tao ist weder gut noch böse; denn Tao ist das Wirkliche. Nichts als Tao ist; und das Leben all der unwirklichen Dinge ist ein Leben eingebildeter Gegensätze und Beziehungen, die kein eigenes Dasein führen und unsere Sinne nur verwirren. Verlange daher nicht, gut zu sein, so wenig wie du dich als schlecht betrachten darfst. Wu-Wei – ohne Streben, nur aus innerstem Antrieb handeln – so sollst du sein. Nicht schlecht, – nicht gut; nicht klein und nicht gross; nicht niedrig – und nicht hoch. Und erst so wirst du in Wirklichkeit sein, selbst wenn du, im gewöhnlichen Sinne, nicht mehr bist. Bist du einst frei von allem Schein, von allem Begehr und aller Lust, dann wirst du einfach aus deinem Herzen handeln und nicht einmal wissen, da du handelst. Und dies – als Erfüllung des einzig wahren Lebensgesetzes – dies freie, ungehemmte Fliessen nach Tao hin wird so leicht und unbewusst vor sich gehen wie die Auflösung des Wölkleins über uns.»

Auf einmal erlebte ich ein Sein innerer Freiheit. Das Gefühl war nicht Freude – nicht Glückseligkeit. Es war vielmehr eine ruhige Empfindung von Ausdehnung – eine Ausweitung meines geistigen Gesichtskreises.

«Vater», sagte ich, «ich danke dir! Diese Offenbarung über das Wesen von Tao schenkt mir bereits ein Wollen, das, ab ich es auch nicht erklären kann, mich doch sachte vorwärts zu tragen scheint.»

«Wie wunderbar doch Tao ist! In all meinem Wien, mit all meinen Kenntnissen habe ich dies nie zuvor gefühlt!»

«Begehre kein solches Wien!» sagte der Weise. «Verlange nicht danach, zu viel zu wissen – nur so wirst du ins unmittelbare Wien wachsen; denn Kenntnisse, die wir durch unnatürliche Anstrengungen und Verkrampfungen erlangen, führen immer von Tao weg. Strebe nicht danach, alles zu wissen, was Menschen und Dinge um dich betrifft, besonders auch nicht, was sich um ihre Beziehungen und Gegensätze dreht. Vor allem aber suche nicht zu gierig nach Glückseligkeit und fürchte dich nicht vor Leid. Denn keiner dieser Zustände ist wirklich. Lust ist nicht wirklich und Schmerz auch nicht. Tao wäre nicht Tao, wenn du imstande wärest, es dir als Schmerz oder Lust, als Glück oder Leid vorzustellen; denn Tao ist das Eine, das All, und trägt keinen Missklang in sich.»

«Höre, wie einfach Chung-Tse es zu sagen weiss: ,Die grösste Freude ist keine Freude.’ Und ebenso wird auch der Schmerz für dich verblasst sein. Du darfst nie glauben, Schmerz sei eine Wirklichkeit, sei ein wesentlicher Bestandteil des Daseins. Dein Schmerz wird eines Tages verschwinden wie die Nebel, die um die Gipfel der Berge hängen. Denn eines Tages wirst du erkennen, wie natürlich, wie von innen heraus sich alles Dasein in all seiner Mannigfaltigkeit gestaltet. Und alle die grossen Fragen, die dich so voller Geheimnis und Dunkel anschauten, werden Wu-Wei sein, ganz einfach, ohne Widerstreben, nicht mehr ein Quell des Staunens für dich. Denn alles wächst aus Tao; alles ist ein organisches Glied des grossen Geschehens, das aus einem einzigen Grundgesetz hervorgegangen ist. Dann wird nichts mehr die Macht haben, dich zu betrüben oder dich zu erfreuen. Du wirst nicht mehr lachen und auch nicht mehr weinen.»

«Du schaust mich zweifelnd an, als ob du mich zu hart, zu kalt fändest. Dennoch wirst du, sobald du etwas tiefer eingedrungen bist, erkennen, da nur dieser Seelenzustand der innern Ruhe der Ausdruck einer völligen Übereinstimmung mit Tao sein kann. Dann wirst du allem ,Schmerz’ gegenüber wissen, da er eines Tages verschwinden muss, da er unwirklich ist. Und die ,Freude’ wirst du als eine bloss unentwickelte und wesenlose Freude durchschauen lernen, da sie von Zeit und Umständen abhängt und ihr scheinbares Dasein nur aus dem Gegensatz zum ,Schmerz’ stammt. Siehst du einen gütigen Menschen, so wirst du es ganz natürlich finden, da er so ist, wie er eben ist und wirst auch schon ahnen, um wie viel gütiger er an jenem Tage sein wird, da er nicht mehr ,gut’ und ,lieb’ verkörpern wird. Und einem Mörder wirst du mit der gleichen innern Ruhe gegenübertreten, ebenfalls ohne besondere Liebe oder besonderen Ha; denn er ist dein Bruder in Tao, und alle seine Sünde hat niemals die Macht, Tao in ihm zu vernichten.»

«Dann, wenn du endlich Wu-Wei sein wirst – nicht mehr im gewöhnlich menschlichen Sinne dahinlebst – dann wird zum ersten Mal mit dir alles in Ordnung sein, und du wirst durchs Leben dahingleiten so ruhig und so natürlich wie die weite See vor uns. Nichts wird deinen Frieden stören können. Dein Schlaf wird traumlos sein, und Selbstbewusstsein wird dich nicht mehr kümmern. In allen Dingen wirst du Tao erkennen, wirst mit allem Dasein dich eins fühlen und auf die gesamte Natur blicken als auf etwas, das dir so vertraut ist wie dein eigen Selbst. So wirst du mit lächelndem Herzen und milde geöffneten Händen durch all die Wechsel von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Leben und Tod schreiten und eines Tages in Tao eingehen, wo es keine Wechsel mehr geben wird und von wo du einst so rein ausgegangen bist wie du nun zurückkehrst. »

«Vater, was du sagst ist klar; und ich glaube dir. Doch das Leben ist mir noch so lieb, und ich fürchte mich vor dem Tode. Ich fürchte auch, meine Freunde könnten sterben, oder mein Weib, oder mein Kind! Der Tod scheint so schwarz und düster – und das Leben so strahlend – strahlend – mit seiner Sonne und seiner grünen und blühenden Erde!»

«Das kommt nur daher, da du die vollkommene Natürlichkeit des Todes, der dem Leben an Wirklichkeitsgehalt nichts nachgibt, noch nicht fühlst. Du denkst noch zu viel von dem an sich so unbedeutenden Körper und von dem tiefen Grabe, in das er einst zu liegen kommt. Doch dies ist nur das Gefühl eines Gefangenen, der befreit werden soll, und der sich nun ängstigt, die dunkle Zelle zu verlassen, in der er so lange Zeit zugebracht hat. Du siehst den Tod als Gegensatz zum Leben und sind doch beide unwirklich, beide nur ein Wechsel und ein Schein. Deine Seele wird nicht aus vertrautem Wasser in ein unbekanntes Meer gleiten. Was wirklich ist in dir, deine Seele, kann niemals sterben, und deine Todesfurcht gehört daher nicht deiner Seele an. Du mut diese Furcht für immer überwinden; oder vielmehr wird es, wenn du älter wirst und du natürlich, aus deinem Herzen, nur den Regungen von Tao folgend gelebt hast, von selber geschehen, da dies Gefühl einfach nicht mehr da ist.»

«Dann wirst du auch nicht mehr trauern um die, die vor dir heimgegangen sind. Denn eines Tages wirst du wieder vereinigt sein mit ihnen – ohne selber zu wien, da du es bist, weil die heutigen scheinbaren Gegensätze nicht mehr da sein werden…»

«… Vor langer Zeit, als Chung-Tses Gattin eben gestorben war, fand Hui-Tse den Witwer, wie er ruhig auf der Erde sa und, wie es reine Gewohnheit war, zum Zeitvertreib einen Gong schlug. Als Hui-Tse ihn auf die scheinbare Herzlosigkeit seines Benehmens aufmerksam machte, antwortete Chuang-Tse: Deine Art, Dinge zu betrachten, ist nicht natürlich. Zuerst war ich in der Tat betrübt, und ich konnte nicht anders sein. Doch nach einigem Nachdenken fiel mir ein, sie sei ja ursprünglich nicht von diesem Leben gewesen, Sa sie damals nicht nur nicht geboren, sonder überhaupt ohne jede Gestalt war und da in diese Gestaltlosigkeit noch kein Lebenskeim je hat eindringen können. Da dennoch, wie in sonnendurchwärmter Furche, die Lebenskraft sich zu regen begann, und aus Lebenskraft wuchs Gestalt, und diese führte zur Geburt. Heute hat sich ein anderer Wechsel vollzogen, und sie ist gestorben. Das erinnert mich einfach an den Aufstieg und Niedergang der vier Jahreszeiten: Frühling, Herbst, Winter, Sommer. Sie schläft ruhig im grossen Hause. Jammerte und wehklagte ich nun, so wäre es, als ab die Seele all dieses Erkennens nicht in mich eingedrungen wäre – daher lae ich es.»

Er erzählte dies in einer einfachen, unberührten Weise die zeigte, wie natürlich ihm solches Tun erschien. Doch ich war noch nicht klar und stie hervor: «Solche Weisheit ist schrecklich; sie macht mich beinahe zittern. Das Leben käme mir so kalt und leer vor, wenn ich so weise wäre!»

«Das Leben ist kalt und leer», antwortete er ruhig, doch ohne eine Spur von Verachtung in seiner Stimme; – «und die Menschen sind so trügerische Erscheinungen wie das Leben selber. Nicht einer kennt sich selber, nicht einer kennt seine Gefährten. Und doch sind alle gleich. In der Tat: es gibt kein solches Ding, das wir Leben hessien; es ist unwirklich.» Ich konnte nichts mehr sagen, starrte vor mich hin in die Dämmerung. Friedlich schon schliefen die Berge im zarten, blütenhaften Schimmer unbestimmter Nachtnebel, lagen stille, wie Kinder, unter dem weiten Himmelszelt.

Unter uns flimmerten kleine rote Lichter. In der Ferne erhob sich ein trauriger, einförmiger Gesang, von klagendem Flötenton begleitet. In den Tiefen des Dunkels lag das Meer in seiner Erhabenheit, und der Klang von Unendlichkeit schwoll in alle Weiten.

Da kam eine grosse Traurigkeit über mich, und mein Auge wurde na, als ich ihn in leidenschaftlicher Beharrlichkeit fragte:

«Und was wird dann aus Freundschaft? Und was aus Liebe?»

Er schaute mich an. Ich konnte ihn im Dunkel nicht mehr deutlich sehen; doch seine Augen strahlten in seltsam weichem Lichte, und er antwortete milde:

«Diese sind die besten Dinge des Lebens, bei weitem. Sie bedeuten die erste Regung von Tao in dir. Doch eines Tages wirst du von ihnen so wenig mehr wien als der Strom noch an seine Ufer denkt, wenn er im endlosen Meere aufgegangen ist. Denke ja nicht, ich wolle dich lehren, die Liebe aus deinem Herzen zu verbannen; denn das würde sich gegen Tao richten. Liebe was du liebst, und la dich nicht irreleiten durch den Gedanken, Liebe sei ein Hindernis, das dich in Banden halten könnte. Liebe in deinem Herzen zu unterdrücken wäre eine sinnlos erdgebundene Tat und würde dich weiter von Tao wegführen, als du es je gewesen bist. Ich sagte nur, die Liebe wird eines Tages von selber dahinschwinden, ohne da du es weit, und da Tao nicht Liebe ist. Vergi aber nicht, da – so weit ich es begehre und dir gegenüber für angebracht halte – ich zu dir von den höchsten Dingen rede. Redete ich nur von diesem Leben und von den Menschen, so würde ich sagen: Liebe ist das höchste von allem. Doch für ihn, der wieder in Tao eingegangen, ist Liebe vergangen und vergessen.»

«Es ist nun schon spät geworden, und ich möchte dir für den Anfang nicht zu viel mitgeben. Du wirst wohl wünschen, im Tempel zu schlafen, und ich will kommen, dir das Lager zu bereiten. Komm mit und achte wohl auf jeden deiner Tritte!»

Er zündete ein kleines Licht an und gab mir seine Hand, mich zu führen. Langsam stiegen wir abwärts, Schritt für Schritt. Er nahm sich meiner an, wie wenn ich sein eigen Kind wäre. Er beleuchtete jede steile Stelle, die ich zu beschreiten hatte, und führte mich sorgsam abwärts, indem er auf jede meiner Bewegungen acht gab.

Als wir unten ankamen, zeigte er mir das kleine Gastzimmer, das für den Besuch von Mandarinen bereit gehalten wird und holte Kien und Decken für mich.

«Ich danke dir, Vater, von Herzen », sagte ich. «Wann werde ich dir wohl je meine Dankbarkeit zeigen können?»

Er schaute mich ruhig an, und sein Blick war gross wie die See. Ruhig war er und milde wie die Nacht. Er lächelte mir zu, und es war, wie wenn das Licht die Erde begrüsst. Dann liess er mich schweigend allein.

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